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  • Aug

Pans Geheimnis

2015 | 09:32

9d43219dc282499cb652486690ad04f0Liebe Freunde,

vor kurzem feierte ich meinen Geburtstag und um dies angemessen zu zelebrieren, lud ich auf facebook dazu ein, drei Begriffe zu posten, aus denen ich dann eine Kurzgeschichte machen würde.
Die Gewinnerworte kamen von Bettina und lauteten: Sonne-Lieblingslied-geheim.
Unten folgt nun die Geschichte, die sie inspirierten. Und wie es mit Geschichten immer so ist, wenn man sie schreibt, wandeln sie sich. Das Ergebnis war dann etwas anders als erwartet.
Ich hatte eine besondere Freude an den beiden Charakteren und werde vermutlich weiter über sie schreiben. Rabe ist übrigens der Sohn der Rabenprinzessin aus Weiß wie Schnee – ein Wintermärchen.
Die Illustration stammt von nox.fox.

Ich wünsche euch viel Spass beim Lesen und würde mich über Feedback freuen!

Pans Geheimnis

Pan saß auf einem Stuhl im Schatten eines Olivenbaumes und trank aus einem Glas Uso. Er trug helle Leinenhosen. Schwarze Haare schauten aus dem Ausschnitt seines weißen Hemdes. Unter seinem Strohhut kringelten sich dunkle Locken hervor, die im Ansatz bereits ergrauten. Sein Bart war ebenso voll und lockig. Man konnte ihn weiß Gott nicht schön nennen, aber er strahlte eine Vitalität aus, der man sich nicht entziehen konnte. Seine dunklen Augen beobachteten eine Gruppe junger Touristinnen, die in der kleinen Taverne gegenüber saßen. Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln, als er bemerkte, dass eines der Mädchen verlegen zu ihm rüber schaute. Er wollte gerade aufstehen, als er einen Raben auf einem Ast knapp über sich bemerkte. Pan hob seinen linken Arm, um ihn zu verscheuchen.
„Hau ab, du lästiges Vieh!“
Dann hielt er überrascht inne: „Rabe?!“
Der Rabe legte seinen Kopf schief und blickte ihn fragend an.
„Rabe, tu nicht so unschuldig, ich weiss genau, dass du das bist!“
Er senkte seinen Arm und setzte sich wieder auf seinen Sessel, seine gute Laune war verflogen. Raben bedeuten nie was Gutes und dieser hier ganz besonders nicht, dachte Pan.
„Krah?!“
„Von wegen Krah! Wenn Du mit mir reden willst, dann ordentlich! Was sollen denn die Mädels glauben, wenn ich mit einem Raben rede?“
Tatsächlich begannen die Mädchen am Tisch gegenüber zu tuscheln und kichern, während sie mehr oder weniger verstohlen zu Pan und seinem seltsamen Gesprächspartner hinüber blickten.
„Krah!“
Der Rabe flog kurz auf und verschwand hinter dem Baum. Im gleichen Moment kam von der anderen Seite ein junger Mann mit langen, schwarzen Haaren hinter dem Ölbaum hervor. Er trug schwarze Lederhosen und ein zerrissenes schwarzes T-Shirt.
Mist, der stiehlt mir die ganze Show… na ja, sein saurer Gesichtsausdruck macht das wieder wett… ging es Pan kurz durch den Kopf.
„Schon besser.“
Der junge Mann blickte ihn wortlos an.
„Bist ja wieder nicht gerade der gesprächigste“, meinte Pan und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
Sein Gegenüber schwieg noch immer. Pan zuckte mit den Schultern und zeigte auf einen freien Tisch vor der Taverne.
„Scheint ernst zu sein. Lass uns was trinken!“
Sie setzten sich und Pan bestellte zwei Gläser Retsina: „Also, was gibt’s, Rabe?“
„Ich habe deine Tochter gesehen.“
Pan blickte erstaunt auf.
„Meine Tochter? Welche meinst du, hm?“
„So viele Kinder hast du nicht, Pan,“ erwiderte Rabe.
„Woher willst du wissen, dass sie meine Tochter ist?“
„Ihr habt beide das gleiche Lieblingslied. Sie sagt, ihr Vater habe es ihr beigebracht… auf einer Panflöte.“
„Pah, das heißt gar nichts, das ist ein ziemlich beliebtes Lied. Außerdem woher willst du mein Lieblingslied kennen, hm?“
Rabe ging nicht weiter darauf ein.
„Sie hat deine Beine.“
„Unsinn, ich habe dafür gesorgt, dass sie die nicht hat!“
„Also, weisst du, von wem ich spreche? Viel Mühe, sie geheim zu halten, gibst du dir ja nicht.“
„Na wenn schon. Du schuldest mir noch einen Gefallen, den fordere ich nun ein. Du schwörst, dass du niemanden von ihr erzählst, verstanden?“
Pan beruhigte sich und nahm einen Schluck.
Rabe nickte nur und sagte: „Ich hatte nichts anderes vor.“
„Gut, nachdem das geklärt ist, kannst du mir ja nun sagen, was du willst.“
Rabe blickte Pan nachdenklich an und dachte sich: Irgendwie bist du anders als sonst…interessant.
Dann sagte er laut: „Deine Tochter.“
„Was ist mit meiner Tochter?“
„Du hast mich gefragt, was ich will – deine Tochter!“
Pan blickte ihn verblüfft an, dann brach er in schallendes Lachen aus. Seine Stimme dröhnte durch die Abendluft. Die Gäste an den Nachbartischen blickten erstaunt auf.
„So, so. Meine Tochter willst du? Warum denn das? Hä?“
Pan gab dem Kellner ein Zeichen, noch mehr Wein zu bringen. Rabe schwieg.
Pan grinste breit: „Ober besser, glaubst du, sie will Dich? So einen faden, schweigsamen Raben. Weiss sie überhaupt, dass du ein Rabe bist, hm?“
Rabe antwortete kurz: „Das ist das Einzige, was sie von mir weiss.“
Pan zog die Braue hoch: „So? Dann hat sie dein hübsches, falsches Menschengesicht noch nicht gesehen? Gib dir keine Mühe, damit kommst du bei ihr sowieso nicht weit! Die hat ihre ganz eigenen Vorstellungen.“
Rabe nickte nur langsam.
„Sag, was willst du eigentlich von mir? Um meine Erlaubnis fragen, ob du sie dir nehmen kannst? Die bekommst du nicht und die brauchst du auch nicht, wie ich dich kenne. Ahh, die braucht auch sie nicht, wenn ich es mir so überlege!“
„Nein, ich komme, weil ich möchte, dass du den Bann von ihren Beinen nimmst.“
„Das mach ich nicht, sie hat jetzt sehr hübsche Beine!“ entgegnete Pan gereizt.
„Mit denen sie aber nicht gehen kann!“ entfuhr es Rabe wütend.
Pan riss die Augen auf: „Das ist das erste Mal, dass ich dich wütend sehe! Ist dir das so wichtig?“
Rabe nickte stumm.
„Hör mal, ich nehme an, dass du glaubst, in sie verliebt zu sein. Das ist schön, aber nur eine Illusion. Ich weiss, wovon ich rede, ich bin Pan. Das ist alles nur deine Geilheit. Also, lass sie in Ruhe!“
„Das kann ich nicht.“
„Dann wirst du Ärger bekommen.“
Rabe schüttelte den Kopf.
„So, so, du meinst, du liebst sie wirklich… ok.“
Pan schwieg eine Weile und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Er blickte Rabe tief in die Augen, dann fing er an:
„Schau, Rabe, ich kenne dich lange und ich mag dich gern. Darum hör mir nun gut zu: Vor langer Zeit lebte in diesem Dorf ein besonders herzliches, gutes Mädchen. Sie kümmerte sich um die Alten im Dorf und spielte mit den Kindern. Sie liebte Tiere, aber am liebsten hatte sie die Sonnenblumen in ihrem Garten…“
Rabe blickte ihn verwirrt an.
„Hör einfach zu, gut? Also dieses Mädchen verbrachte jeden Abend bis zum Sonnenuntergang in ihrem Garten und hegte und pflegte ihre Blumen. Eines Abends, als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen hervor strahlten, erblickte sie in der untergehenden Sonne das Gesicht eines wunderschönen jungen Mannes. Sie war wie von einem Liebespfeil getroffen. Die ganze Nacht dachte sie an ihn. Sie hoffte, ihn bald wiederzusehen, und tatsächlich erschien ihr am nächsten Tag wieder das Gesicht des Mannes in der untergehenden Sonne. Den Tag darauf ebenso und so ging es weiter, eine ganze Woche lang. Sie hatte sich in ihn verliebt – keine einzige Sekunde verging, in der sie nicht an ihn dachte. Das änderte aber nichts daran, wie sie mit anderen umging. Sie war noch genauso liebevoll und sorgsam, nur verträumter.
Aber schließlich erschien ihr der junge Mann nicht mehr. Sie war unglücklich und hörte auf zu essen. Da sagt ihr eine Alte aus dem Dorf, es müsse Helios gewesen sein, der ihr erschienen ist. Das Mädchen war verzweifelt, wie sollte sie ihn je erreichen? Den Sonnengott? Hoch am Himmel? Und so saß sie in ihrem Garten und weinte.
Aber die Sonnenblumen, die sie ebenso liebten, wie das Mädchen sie, erhörten sie, wuchsen hoch zum Himmel hinauf und trugen das Mädchen bis zu den Wolken. Weiter schafften sie es nicht. Da saß nun das Mädchen auf den Wolken und dachte sich, ich muss noch höher hinauf, wusste aber nicht wie. Da sang sie ein Lied über die Liebe, so schön, dass sich die Wolken ihrer erbarmten und das Mädchen hinauf bis zum äußersten Rand des Himmels trugen. Weiter kamen sie nicht.
Da saß nun das Mädchen auf einem treibenden Gesteinsbrocken und sang weinend ihr Lied über die Liebe. Das hörte Luna und nahm sie weiter mit, bis zum Hof der Sonne. Luna umarmte das Mädchen und weinte, weil ihr das schöne Mädchen leid tat. Das Mädchen klopfte an die Tore des Sonnenhofes und als keine Antwort kam, sang sie zum letzten Mal ihr Lied. Die Türe ging auf und sie stand im Thronsaal des Sonnengottes. Ihr Herz erbebte, als sie den Gott sah. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte: ‚Ich bin den weiten Weg gekommen, weil ich dich nicht vergessen konnte.‘ Helios lächelte, aber schwieg. Und weil er nichts sagte, sprach sie weiter: ‚Ich konnte nicht mehr essen und nicht mehr schlafen, ich konnte nur noch an Dich denken. Ich liebe Dich!‘ Da strahlte Helios freudig auf. Sein Strahlen überflutete sie mit Liebe und Wärme. Er antwortete: ‚Ich liebe Dich auch!‘ Dann schritt er auf das Mädchen zu und umarmte und küsste sie…“
Pan schwieg.
Der Rabe wartete auf das unvermeidliche Ende. Aber Pan erzählte nicht weiter. Also sagte Rabe: „Und sie lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage…?“
Pan blickte auf: „Hah, Unsinn! Verbrannt ist sie in seinen Armen zu einem Haufen Asche! Von wegen glücklich! Welcher Mensch, der einen Gott liebte, ist je glücklich geworden? Welcher?“
Rabe schwieg.
„Und deshalb, lass mein Kind in Ruhe, verstehst Du? Lass ihr ihre nutzlosen menschlichen Beine. Lass ihr ihr nutzloses menschliches Leben. Es wird sie glücklicher machen, als alles, was ihr ein Gott bieten kann. Wir Götter haben kein Herz, nur unsere Lust und Geilheit!“
Rabe riss seine Augen weit auf. Jetzt wusste er, was anders war. Ein Herz, ein Herz – wer hatte Pan je mitfühlend oder liebend erlebt, wer?
„Pan, dass du so fühlst, hättest du das je gedacht?!
„Verschwinde! Ich will dich nicht sehen!“ Pans Gesicht verdunkelte sich.
„Aber…“ Rabe konnte seinen Satz nicht vollenden. „Verschwinde, sage ich!“, schrie Pan und ein großer Wind kam auf, der sein Gegenüber wieder in einen Vogel verwandelte und wegwehte. Stille war eingekehrt. Die Gäste an den Nebentischen plauderten weiter, wie zuvor. Niemandem fiel auf, dass Pan nun alleine am Tisch saß, nicht einmal dem Kellner, als er fragte, ob er noch etwas bringen dürfe. Pan schüttelte den Kopf. Dann murmelte er: „Ein Herz, was?“
An diesem Abend ging er nicht mehr auf seine lüsterne Jagd, sondern gesellte sich zu einer Gruppe alter Männer, die Karten spielten und von ihren Familien erzählten. Pan plauderte mit ihnen und erzählte stolz von seiner klugen Tochter mit ihren schönen dunklen Haaren und ihren großen Augen.
Nur heute Abend, nur heute Abend, dachte er.

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