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  • 3
  • Aug

Pans Geheimnis

2015 | 09:32

9d43219dc282499cb652486690ad04f0Liebe Freunde,

vor kurzem feierte ich meinen Geburtstag und um dies angemessen zu zelebrieren, lud ich auf facebook dazu ein, drei Begriffe zu posten, aus denen ich dann eine Kurzgeschichte machen würde.
Die Gewinnerworte kamen von Bettina und lauteten: Sonne-Lieblingslied-geheim.
Unten folgt nun die Geschichte, die sie inspirierten. Und wie es mit Geschichten immer so ist, wenn man sie schreibt, wandeln sie sich. Das Ergebnis war dann etwas anders als erwartet.
Ich hatte eine besondere Freude an den beiden Charakteren und werde vermutlich weiter über sie schreiben. Rabe ist übrigens der Sohn der Rabenprinzessin aus Weiß wie Schnee – ein Wintermärchen.
Die Illustration stammt von nox.fox.

Ich wünsche euch viel Spass beim Lesen und würde mich über Feedback freuen!

Pans Geheimnis

Pan saß auf einem Stuhl im Schatten eines Olivenbaumes und trank aus einem Glas Uso. Er trug helle Leinenhosen. Schwarze Haare schauten aus dem Ausschnitt seines weißen Hemdes. Unter seinem Strohhut kringelten sich dunkle Locken hervor, die im Ansatz bereits ergrauten. Sein Bart war ebenso voll und lockig. Man konnte ihn weiß Gott nicht schön nennen, aber er strahlte eine Vitalität aus, der man sich nicht entziehen konnte. Seine dunklen Augen beobachteten eine Gruppe junger Touristinnen, die in der kleinen Taverne gegenüber saßen. Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln, als er bemerkte, dass eines der Mädchen verlegen zu ihm rüber schaute. Er wollte gerade aufstehen, als er einen Raben auf einem Ast knapp über sich bemerkte. Pan hob seinen linken Arm, um ihn zu verscheuchen.
„Hau ab, du lästiges Vieh!“
Dann hielt er überrascht inne: „Rabe?!“
Der Rabe legte seinen Kopf schief und blickte ihn fragend an.
„Rabe, tu nicht so unschuldig, ich weiss genau, dass du das bist!“
Er senkte seinen Arm und setzte sich wieder auf seinen Sessel, seine gute Laune war verflogen. Raben bedeuten nie was Gutes und dieser hier ganz besonders nicht, dachte Pan.
„Krah?!“
„Von wegen Krah! Wenn Du mit mir reden willst, dann ordentlich! Was sollen denn die Mädels glauben, wenn ich mit einem Raben rede?“
Tatsächlich begannen die Mädchen am Tisch gegenüber zu tuscheln und kichern, während sie mehr oder weniger verstohlen zu Pan und seinem seltsamen Gesprächspartner hinüber blickten.
„Krah!“
Der Rabe flog kurz auf und verschwand hinter dem Baum. Im gleichen Moment kam von der anderen Seite ein junger Mann mit langen, schwarzen Haaren hinter dem Ölbaum hervor. Er trug schwarze Lederhosen und ein zerrissenes schwarzes T-Shirt.
Mist, der stiehlt mir die ganze Show… na ja, sein saurer Gesichtsausdruck macht das wieder wett… ging es Pan kurz durch den Kopf.
„Schon besser.“
Der junge Mann blickte ihn wortlos an.
„Bist ja wieder nicht gerade der gesprächigste“, meinte Pan und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
Sein Gegenüber schwieg noch immer. Pan zuckte mit den Schultern und zeigte auf einen freien Tisch vor der Taverne.
„Scheint ernst zu sein. Lass uns was trinken!“
Sie setzten sich und Pan bestellte zwei Gläser Retsina: „Also, was gibt’s, Rabe?“
„Ich habe deine Tochter gesehen.“
Pan blickte erstaunt auf.
„Meine Tochter? Welche meinst du, hm?“
„So viele Kinder hast du nicht, Pan,“ erwiderte Rabe.
„Woher willst du wissen, dass sie meine Tochter ist?“
„Ihr habt beide das gleiche Lieblingslied. Sie sagt, ihr Vater habe es ihr beigebracht… auf einer Panflöte.“
„Pah, das heißt gar nichts, das ist ein ziemlich beliebtes Lied. Außerdem woher willst du mein Lieblingslied kennen, hm?“
Rabe ging nicht weiter darauf ein.
„Sie hat deine Beine.“
„Unsinn, ich habe dafür gesorgt, dass sie die nicht hat!“
„Also, weisst du, von wem ich spreche? Viel Mühe, sie geheim zu halten, gibst du dir ja nicht.“
„Na wenn schon. Du schuldest mir noch einen Gefallen, den fordere ich nun ein. Du schwörst, dass du niemanden von ihr erzählst, verstanden?“
Pan beruhigte sich und nahm einen Schluck.
Rabe nickte nur und sagte: „Ich hatte nichts anderes vor.“
„Gut, nachdem das geklärt ist, kannst du mir ja nun sagen, was du willst.“
Rabe blickte Pan nachdenklich an und dachte sich: Irgendwie bist du anders als sonst…interessant.
Dann sagte er laut: „Deine Tochter.“
„Was ist mit meiner Tochter?“
„Du hast mich gefragt, was ich will – deine Tochter!“
Pan blickte ihn verblüfft an, dann brach er in schallendes Lachen aus. Seine Stimme dröhnte durch die Abendluft. Die Gäste an den Nachbartischen blickten erstaunt auf.
„So, so. Meine Tochter willst du? Warum denn das? Hä?“
Pan gab dem Kellner ein Zeichen, noch mehr Wein zu bringen. Rabe schwieg.
Pan grinste breit: „Ober besser, glaubst du, sie will Dich? So einen faden, schweigsamen Raben. Weiss sie überhaupt, dass du ein Rabe bist, hm?“
Rabe antwortete kurz: „Das ist das Einzige, was sie von mir weiss.“
Pan zog die Braue hoch: „So? Dann hat sie dein hübsches, falsches Menschengesicht noch nicht gesehen? Gib dir keine Mühe, damit kommst du bei ihr sowieso nicht weit! Die hat ihre ganz eigenen Vorstellungen.“
Rabe nickte nur langsam.
„Sag, was willst du eigentlich von mir? Um meine Erlaubnis fragen, ob du sie dir nehmen kannst? Die bekommst du nicht und die brauchst du auch nicht, wie ich dich kenne. Ahh, die braucht auch sie nicht, wenn ich es mir so überlege!“
„Nein, ich komme, weil ich möchte, dass du den Bann von ihren Beinen nimmst.“
„Das mach ich nicht, sie hat jetzt sehr hübsche Beine!“ entgegnete Pan gereizt.
„Mit denen sie aber nicht gehen kann!“ entfuhr es Rabe wütend.
Pan riss die Augen auf: „Das ist das erste Mal, dass ich dich wütend sehe! Ist dir das so wichtig?“
Rabe nickte stumm.
„Hör mal, ich nehme an, dass du glaubst, in sie verliebt zu sein. Das ist schön, aber nur eine Illusion. Ich weiss, wovon ich rede, ich bin Pan. Das ist alles nur deine Geilheit. Also, lass sie in Ruhe!“
„Das kann ich nicht.“
„Dann wirst du Ärger bekommen.“
Rabe schüttelte den Kopf.
„So, so, du meinst, du liebst sie wirklich… ok.“
Pan schwieg eine Weile und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Er blickte Rabe tief in die Augen, dann fing er an:
„Schau, Rabe, ich kenne dich lange und ich mag dich gern. Darum hör mir nun gut zu: Vor langer Zeit lebte in diesem Dorf ein besonders herzliches, gutes Mädchen. Sie kümmerte sich um die Alten im Dorf und spielte mit den Kindern. Sie liebte Tiere, aber am liebsten hatte sie die Sonnenblumen in ihrem Garten…“
Rabe blickte ihn verwirrt an.
„Hör einfach zu, gut? Also dieses Mädchen verbrachte jeden Abend bis zum Sonnenuntergang in ihrem Garten und hegte und pflegte ihre Blumen. Eines Abends, als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen hervor strahlten, erblickte sie in der untergehenden Sonne das Gesicht eines wunderschönen jungen Mannes. Sie war wie von einem Liebespfeil getroffen. Die ganze Nacht dachte sie an ihn. Sie hoffte, ihn bald wiederzusehen, und tatsächlich erschien ihr am nächsten Tag wieder das Gesicht des Mannes in der untergehenden Sonne. Den Tag darauf ebenso und so ging es weiter, eine ganze Woche lang. Sie hatte sich in ihn verliebt – keine einzige Sekunde verging, in der sie nicht an ihn dachte. Das änderte aber nichts daran, wie sie mit anderen umging. Sie war noch genauso liebevoll und sorgsam, nur verträumter.
Aber schließlich erschien ihr der junge Mann nicht mehr. Sie war unglücklich und hörte auf zu essen. Da sagt ihr eine Alte aus dem Dorf, es müsse Helios gewesen sein, der ihr erschienen ist. Das Mädchen war verzweifelt, wie sollte sie ihn je erreichen? Den Sonnengott? Hoch am Himmel? Und so saß sie in ihrem Garten und weinte.
Aber die Sonnenblumen, die sie ebenso liebten, wie das Mädchen sie, erhörten sie, wuchsen hoch zum Himmel hinauf und trugen das Mädchen bis zu den Wolken. Weiter schafften sie es nicht. Da saß nun das Mädchen auf den Wolken und dachte sich, ich muss noch höher hinauf, wusste aber nicht wie. Da sang sie ein Lied über die Liebe, so schön, dass sich die Wolken ihrer erbarmten und das Mädchen hinauf bis zum äußersten Rand des Himmels trugen. Weiter kamen sie nicht.
Da saß nun das Mädchen auf einem treibenden Gesteinsbrocken und sang weinend ihr Lied über die Liebe. Das hörte Luna und nahm sie weiter mit, bis zum Hof der Sonne. Luna umarmte das Mädchen und weinte, weil ihr das schöne Mädchen leid tat. Das Mädchen klopfte an die Tore des Sonnenhofes und als keine Antwort kam, sang sie zum letzten Mal ihr Lied. Die Türe ging auf und sie stand im Thronsaal des Sonnengottes. Ihr Herz erbebte, als sie den Gott sah. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte: ‚Ich bin den weiten Weg gekommen, weil ich dich nicht vergessen konnte.‘ Helios lächelte, aber schwieg. Und weil er nichts sagte, sprach sie weiter: ‚Ich konnte nicht mehr essen und nicht mehr schlafen, ich konnte nur noch an Dich denken. Ich liebe Dich!‘ Da strahlte Helios freudig auf. Sein Strahlen überflutete sie mit Liebe und Wärme. Er antwortete: ‚Ich liebe Dich auch!‘ Dann schritt er auf das Mädchen zu und umarmte und küsste sie…“
Pan schwieg.
Der Rabe wartete auf das unvermeidliche Ende. Aber Pan erzählte nicht weiter. Also sagte Rabe: „Und sie lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage…?“
Pan blickte auf: „Hah, Unsinn! Verbrannt ist sie in seinen Armen zu einem Haufen Asche! Von wegen glücklich! Welcher Mensch, der einen Gott liebte, ist je glücklich geworden? Welcher?“
Rabe schwieg.
„Und deshalb, lass mein Kind in Ruhe, verstehst Du? Lass ihr ihre nutzlosen menschlichen Beine. Lass ihr ihr nutzloses menschliches Leben. Es wird sie glücklicher machen, als alles, was ihr ein Gott bieten kann. Wir Götter haben kein Herz, nur unsere Lust und Geilheit!“
Rabe riss seine Augen weit auf. Jetzt wusste er, was anders war. Ein Herz, ein Herz – wer hatte Pan je mitfühlend oder liebend erlebt, wer?
„Pan, dass du so fühlst, hättest du das je gedacht?!
„Verschwinde! Ich will dich nicht sehen!“ Pans Gesicht verdunkelte sich.
„Aber…“ Rabe konnte seinen Satz nicht vollenden. „Verschwinde, sage ich!“, schrie Pan und ein großer Wind kam auf, der sein Gegenüber wieder in einen Vogel verwandelte und wegwehte. Stille war eingekehrt. Die Gäste an den Nebentischen plauderten weiter, wie zuvor. Niemandem fiel auf, dass Pan nun alleine am Tisch saß, nicht einmal dem Kellner, als er fragte, ob er noch etwas bringen dürfe. Pan schüttelte den Kopf. Dann murmelte er: „Ein Herz, was?“
An diesem Abend ging er nicht mehr auf seine lüsterne Jagd, sondern gesellte sich zu einer Gruppe alter Männer, die Karten spielten und von ihren Familien erzählten. Pan plauderte mit ihnen und erzählte stolz von seiner klugen Tochter mit ihren schönen dunklen Haaren und ihren großen Augen.
Nur heute Abend, nur heute Abend, dachte er.

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  • 4
  • Feb

Mondhochzeit

2015 | 00:30

Manche Geschichten wollen einfach geschrieben werden, ausgegebenem Anlass besuchen wir wieder den Mondmann – viel Spaß!

 

Mondhochzeit

Es war einmal, als ich noch ein Junge war, eine jener Nächte, in denen sich ein Stück der Wand meines Schlafzimmers wie eine Tür öffnete. Wenn dann das Licht des Mondes von außen durch diese Tür fiel, dann erwachte mein kleines Kuschelschäfchen neben mir zum Leben. Hand in Hand schritten wir hinaus auf die Straße, die sich silbern glitzernd zum Mond hinaufwand – die Traumstraße. Die Reise war mir und meinem Schäfchen schon so vertraut, dass wir uns nicht wunderten, als uns auf halben Wege ein gemütliches Bettchen entgegen rollte und einladend stehen blieb. Zwischen den flauschigen Kissen, unter der warmen Decke ist die Fahrt zum Mond erstaunlich gemütlich.
In dieser Nacht besuchten Schäfchen und ich nicht die Insel im Mondteich, mit ihrem Vogelbaum, und auch nicht die kleine Meerjungfrau, die dort wohnte. Nein, in dieser Nacht rollte das Bettchen zu einem ganz besonderen Garten. Er war umgeben von einem Zaun, der aus Brettern zusammengeschustert war. Für mich sahen sie aus wie Treibholz, das an eine Küste angespült und von den Strahlen der Sonne ausgeblichen worden war. Über den Zaun hinweg winkte uns die Gärtnerin zu. Sie war mager und trug einen spitzen Hut aus Stroh und ein zerfetztes Kleid wie aus Spinnweben. Ihre Augen waren schwarz und groß und ihre Nase spitz und lang.
„Kommt her und helft mir, die Zahlen zusammenzurechen!“ rief sie uns zu.
Schäfchen zog mich an der Hand und flüsterte: „Müssen wir wirklich helfen? Ich bin doch soooooo müde!“
„Aber klar!“ sagte ich und lachte. „Vielleicht bekommen wir dafür eine Mondrose als Belohnung. Das wäre doch fein!“
„Du denkst wieder an deine kleine Meerjungfrau, nicht wahr? Und ich darf schuften, damit sie eine Rose von dir bekommen kann…“ seufzte das Schäfchen voller Selbstmitleid.
„Ach komm, wir besuchen auch nachher den Mondmann und stärken uns mit einer Tasse Tee, ok?“
„Meinst du, wir bekommen auch Kekse?“, fragte Schäfchen hoffnungsvoll.
„Ganz sicher!“, gab ich strahlend zurück.
Frau Spinnweb, die Gärtnerin, freute sich über unsere Hilfe. Zahlen aus dem Garten zu entfernen, ist eine heikle Sache. Manche muss man zusammenfegen wie trockenes Laub, andere vorsichtig von den Blättern zupfen wie Ungeziefer.
„Was täte ich ohne meine Helfer?!“, tönte Frau Spinnweb, als ich mich nach einer besonderen Zahl bückte, die sich in den Dornen eines Mondrosenbusches verfangen hatte. Im Gegensatz zu den anderen Zahlen war sie nicht silbern, sondern glänzte golden im sanften Licht der blauen Erde.
„Die ist anders als die anderen!“, stellte ich laut fest und hielt die Zahl – eine Acht – Frau Spinnweb entgegen.
„Ein Stück Unendlichkeit, oh du Glückspilz!“
„Diese Acht bringt Glück?“, fragte ich überrascht. „Werde ich jetzt für immer Glück haben?“
Frau Spinnweb lächelte und schüttelte den Kopf: „Nein, ganz so ist das nicht. Siehst du – Glück kann man nicht für sich behalten, aber man kann es jemanden schenken.“
„Schenk es mir!“, rief Schäfchen aufgeregt.
„Ich muss es verschenken?“, fragte ich ein wenig enttäuscht.
„Ja. Aber du wirst sehen, es wird dich glücklich machen. So ist das mit dem Glück! Und hier hast du eine Rose als Dankeschön für deine Hilfe.“
Sie reichte mir eine besonders schöne, leicht aufgeblühte Mondrose, deren weiße Blütenblätter silbrig glänzten, wie Eisblumen im Sonnenschein kurz bevor sie schmelzen. Ich roch an der Rose und dachte an meine Meerjungfrau – wenn ich ihr meine Blume schenken konnte und sie mich dafür anlächelte, was wollte ich mehr? Schäfchen schnalzte mit der Zunge und hüpfte schon in Richtung Mondmann davon, während ich mich noch von Frau Spinnweb verabschiedete und die Acht in der Tasche meines Bademantels verstaute.
Als wir in der Ferne den Teepavillon des Mondmannes sahen, fiel uns gleich auf, dass er bereits Besuch hatte. Wie ungewöhnlich – sonst waren wir die einzigen Gäste!
„Hallo meine Freunde“, rief uns der Mondmann zu, „kommt doch herein auf eine Tasse Tee und lernt meine Gäste kennen.“ Dabei schwenkte er seine Teetasse zum Gruße. Seine Besucher sahen aber gar nicht danach aus, als wollten sie Höflichkeiten austauschen. Links und rechts vom Mondmann saßen ein Mann und eine Frau – um genau zu sein: eine Braut und ein Bräutigam. Die beiden hatten wohl gestritten, denn sie zeigten einander im wahrsten Sinne des Wortes die kalte Schulter. Die Braut hielt in ihren Händen einen Brautstrauß aus herrlich roten Rosen. Ein Schleier fiel ihr über den Rücken herab.
„Kommt, kommt! Nehmt doch Platz, meine Freunde!“ erwiderte der Mondmann.
„Stören wir nicht?“ fragte ich ein wenig besorgt.
„Aber nein,“ entgegnete der Mondmann sorglos wie immer. „Es handelt sich nur um einen Streit zwischen Liebenden.“
Der Bräutigam drehte sich leicht zu seiner Braut um und zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe. Die Braut sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, war aber wütend genug, um auszurufen: „Was? Liebende! Dann hätte er etwas mehr Verständnis für mich! Und würde sich mehr bemühen!“ Der Bräutigam sprang empört auf, verbiss sich aber eine Bemerkung. Stattdessen ging er den Pavillon auf und ab.
„Aber Mademoiselle, beruhigen Sie sich!“ beschwichtigte der Mondmann, „nehmen Sie doch einen Schluck von ihrem Tee.“ Er schob ihre eine seiner Alabastertassen entgegen, aus der ein herrliches Aroma in den Äther aufstieg.
„Trinken Sie einen Schluck, und Sie werden sich besser fühlen.“ Dann deutete er mit einer Geste auf zwei leere Stühle, die mir zuvor nicht aufgefallen waren und als wir uns setzten, standen auch schon zwei dampfende Tassen Mondtee vor uns. Der Mondmann erhob sich von seinem Platz, strich über seinen schwarzen Samtanzug und ging zum Bräutigam: „Sie lieben sie doch, nicht wahr?“
„Natürlich!“ schnaubte der Bräutigam, während er seinen Zylinder in der Hand hin und her drehte.
„Dann seien Sie sanft mit ihr!“
Der Bräutigam nickte stumm, setzte sich an den Tisch und trank aus seiner Tasse aus schwarzem Gestein. Man merkte, dass er sich mit jedem Schluck mehr entspannte.
„Und Sie Mademoiselle: Seien auch Sie milde!“
„Aber ich will das alles so perfekt wie möglich ist. So wie wir es geplant haben!“
Der Mondmann nickte: „Ich verstehe, ich verstehe. Aber wissen Sie – man kann den perfekten Augenblick nicht planen, man kann ihn nur erleben…“
Alle schwiegen. Schäfchen und ich waren verlegen. Das ging uns ja gar nichts an! Da fiel mir etwas ein: „Sag Mondmann, hast du eigentlich auch eine Frau?“ Der Mondmann sah mich melancholisch an, dann breitete seine Arme aus: „Meine Liebe gilt Frau Luna persönlich. Und ist sie heute auch nur mehr ein Haufen Stein, der durch das Weltall kreist – ich liebe sie noch immer!“ Wir blickten ihn verwirrt an, aber keiner von uns wagte nachzufragen. Da stand der Bräutigam auf und sagte: „Schatz, vergiss den ganzen Streit. Es tut mir leid! Lass uns sofort, hier und jetzt heiraten!“
„Wie? Hier und jetzt? Hier auf dem Mond?“ fragte die Braut überrascht. „Geht das denn?“, fragte sie den Mondmann.
„Aber natürlich Mademoiselle! Es wäre mir eine Ehre, Sie beide hier und jetzt zu trauen. Wir brauchen nur zwei Trauzeugen und die Ringe.“
„Wir könnten die Trauzeugen sein!“ blökte Schäfchen entzückt. Ich nickte, „Ja, das machen wir gerne!“
„Hervorragend!“ rief der Mondmann.
„Aber die Ringe!“ riefen Braut und Bräutigam.
„Ja, die Ringe, die sind wichtig – aus Gold sollten sie sein…“ der Mondmann blickte mich fragend an.
„Golden, ja richtig!“ fuhr es mir durch den Kopf. Ich griff in die Tasche meines Bademantels, holte die goldene Acht hervor und fragte: „Könnte man das hier vielleicht verwenden?“
Die Augen des Mondmannes funkelten: „Ah, ein Stück Unendlichkeit – wie passend! Ich danke dir.“ Er verneigte sich. Als er mir die Acht aus der Hand nahm, waren aus ihr zwei goldene Ringe geworden. Da merkte ich, dass der Pavillon sich in eine kleine weiße Kapelle verwandelt hatte. Der Tisch sah aus wie ein kleiner Altar, und die Sessel standen zu beiden Seiten.
„Ah, da kommen auch schon die Gäste!“, sagte der Mondmann. Braut und Bräutigam blickten ebenso erstaunt um sich, wie wir. Von allen Seiten strömten sie herbei: Der Mondfährmann, der Heidschibumbeidschi und Frau Spinnweb winkten: „Wartet auf uns!“.
Ein Gruppe von Mondhäschen hoppelte herbei und tuschelten: „Eine Hochzeit, wie aufregend!“
Mehrere Mondmotten kamen angeflogen – und schließlich das Vogelorchester der kleinen Insel vom Mondteich. Sogar meine Meerjungfrau kam, zusammen mit dem Mondkarpfen, in einem kleinen Bach angeschwommen und winkte mir zu. Da ertönte das Vogelorchester und spielte die Einzugsmusik. Der Bräutigam stand beim Altar und erwartete seine Braut. Ein plötzlicher Wind fuhr ihr in den Schleier und wehte ihn in die Höhe, wobei er länger und immer länger wurde und hinauf in den schwarzen Himmel wehte. Ich war so nervös, dass ich mich nur noch an das selige „Ja ich will!“ der beiden erinnern kann – und an ihren Kuss. Die Braut warf den Strauss in die Menge. Zu meinem Erstaunen fing ihn mein Schäfchen auf, das sich daraufhin triumphierend zu einem errötendem Mondhäschen umdrehte. So war das also! Die Braut umarmte mich und bedankte sich. Der Bräutigam klopfte mir auf die Schulter. Dann stiegen sie in ein breites Doppelbett, das neben der Kapelle auf sie wartete – und weg waren sie!
Nach und nach beruhigte sich alles. Die restlichen Hochzeitsgäste setzten sich an die Tische des Mondpavillons, um ihren Tee zu trinken.
In einem günstigen Augenblick reichte ich  meiner Meerjungfrau ihre Rose, wofür ich mit einem Kuss auf die Wange belohnt wurde. Ich dachte mir: „Stimmt. Wer Glück gibt, wird mit Glück belohnt!“

Und nun gute Nacht ihr Liebenden, möget ihr alle glücklich sein und heiraten! Auf dem Mond oder auch anderswo!

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  • 6
  • Dez

Straßenmusik

2014 | 01:27

Die Zeit der Rauhnächte ist für mich die Zeit der Geschichten, der Märchen, wo wir uns in unsere Höhlen zurück ziehen und uns mit unseren Erzählungen den kalten grauen Winter vom Leib halten. Diese Geschichte hat schon länger darauf gewartet, geschrieben zu werden.

Straßenmusik

Auf der Straße, dort wo der Nebel noch nicht so dicht war, stand mitten in der klirrenden Kälte ein alter Akkordeonspieler. Er trug einen grauen schäbigen Mantel und einen grauen verbeulten Hut – grau von Alter, wer weiss, was die ursprüngliche Farbe einst war. Sein graues Haar fiel ihm halb lang ins Gesicht. Seine Augen waren geschlossen. Seine Hände steckten in fingerlosen Handschuhen und die Fingerspitzen waren blau-violett. Trotzdem rasten sie in eilender Geschwindigkeit über die Tasten hinweg, wie um gegen die Kälte anzukommen. Der  Schnee um ihn fiel langsam. Ihm gegenüber saß ein kleiner Junge in einer abgetragenen Schuluniform, dem Aussehen nach mochte er vielleicht acht oder zehn Jahre alt sein. Er lauschte begeistert der Musik des Akkordeonspielers – seine Augen waren strahlend vor Freude und sein Mund war ein einziges großes Lächeln.
Als der Straßenmusiker am Ende des Stückes angelangt war und der letzte Ton verklungen war, klatschte der kleine Junge vor Freude in die Hände und rief: „Das war ja toll! Das war der Teufelscsárdás von Monti, oder?“
Der alte Mann, öffnete die Augen und blickte den Jungen an, dann zog er spöttisch die Augenbrauen hoch und sagte: „Teufelscsárdás? Hah, davon weiss ich nichts, aber es ist der Csárdás von Monti, ja!“
„Dachte ich es mir doch, den hat mein Opa immer gespielt! Aber er nannte ihn immer den „verflixten Teufelscsárdás“, daran erinnere ich mich noch genau!“
„Und nun spielt ihn dein Opa nicht mehr? Ist er schon tot?“ fragte der alte Musiker.
„Natürlich ist er tot. Er starb, als ich neun war, das ist schon lange her! Aber er war auch ein sehr guter Musiker, so wie Sie!“
Der Akkordeonspieler lächelte, dann betrachtete ihn nachdenklich: „Schon lange her, wie? Was war denn dein Lieblingsstück, vielleicht kann ich es spielen, hm?“
„Wirklich, das würden Sie tun?“ der Junge war begeistert. „Ich muss nachdenken… wie hieß das Stück… hmmm, wie war das noch gleich?“ Er schloss die Augen und dachte eine Weile nach, dann summte er eine Melodie vor sich hin. Als er fertig war, machte er die Augen auf und fragte verlegen: „Kennen Sie das Stück, können Sie das spielen?“
„Das habe ich schon lange nicht mehr gehört, ist sicher schon ein paar Jahrzehnte her…“dann fing er an, mit sachten Fingern eine langsame, melancholische Melodie zu spielen. Die Töne schwebten durch die weiße Welt von Nebel und Schnee und wieder schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben, aber davon merkte der Junge nichts. Er und der Musiker waren eins in der Melodie. Als die Musik zu Ende war, rannen dem Jungen Tränen über die Wangen: „Danke, das war wunderschön…“ Nach einigem Schweigen fuhr er fort: „Das Stück hat mein Großvater für mich an meinem neunten Geburtstag gespielt, am nächsten Tag ist er gestorben. Ich hab es seitdem nicht mehr gehört…“
Der alte Musiker blickte den Jungen verständnisvoll an und nickte lächelnd. Der Junge wurde verlegen und wandte sich ab. Dabei fiel sein Blick vor ihm auf den Boden und er bemerkte, dass der alte Musiker barfuss im Schnee stand. „Ja, aber ist Ihnen denn nicht kalt!?“ rief er besorgt aus, „Es ist doch Winter!“
Der alter Straßenmusiker lachte und gab zurück: „Nein, mir kann die Kälte ebenso wenig anhaben wie Dir… aber danke der Nachfrage! “ und er zwinkerte ihm zu und deutete auf die kurzen Hosen des Jungen. Überrascht blickte der Junge an sich hinunter: „Aber wie?!“ Der Junge trug eine Sommeruniform mit kurzen Hosen und Kniestrümpfen. „Wie kann das sein?!“ Er blickte den Musiker fragend an. Dieser streckte seinen rechten Arm aus und deutete auf etwas, das hinter dem Jungen war. Der Junge drehte sich um.
Und auf einmal war es vorbei mit der Stille, die scheinbar angehaltene Zeit lief weiter. Es war auf einmal sehr laut und aufgeregt und hektisch. Auf der Straße stand ein Krankenwagen mit Blaulicht und ein Polizeiwagen. Einige Leute standen herum und waren sehr aufgeregt. Ein ältere Frau wandte sich an einen Passanten neben ihr: „Der arme, alte Mann, was ist passiert? Er ist doch nicht tot?“ Der Junge hörte die Antwort nicht, er sah wie einige Sanitäter einen alten Mann auf einer Bahre in den Krankenwagen hoben.  Erst blickte er entgeistert auf die Szene vor sich, dann schluckte er, seufzte.
Er drehte sich wieder zum Akkordeonspieler um. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete ihn von oben bis unten. Irgendwie sah der alte Musiker anders aus als zuvor.  War das wirklich ein zerfetzter Mantel, oder waren das nicht eher Federn? Und waren die Haare wirklich grau oder nicht doch blond oder eher weiß leuchtend wie Licht? War das wirklich ein alter herunter gekommener Straßenmusiker, oder…? Er konnte es nicht sagen.
Der Akkordeonspieler sagte: „Wollen wir uns auf den Weg machen?“ und reichte dem Jungen seine linke Hand, in der rechten hielt er noch immer das Akkordeon. Nach einer kurzen Pause nickte der Junge. Er griff nach der Hand seines Gegenübers und sie gingen los. Die Zeit um sie herum stand still, die fallenden Flocken berührten den Boden nicht. Der Junge summte die Anfangstöne seiner Melodie, dann blickte er zu seinem Begleiter auf und dachte: „Definitiv Flügel und kein Mantel…“  Schließlich sagte er laut: „Morgen wäre ich fünfundneunzig geworden…“ und fügte mit einem melancholischem Lächeln hinzu: „Danke für das schöne Geschenk.“
So gingen sie die Straße hinunter und verschwanden im Nebel.

 

  • 5
  • Jun

Tee auf dem Mond

2014 | 23:02

Der Schlaf sucht die Kinder nicht heim, wildes Toben, müde Eltern. Dann eine kleine Traumreise zum Mond. Ein Kind schläft, das andere wacht, aber es gibt ja noch Papa und so kann Mama eine kleine Geschichte schreiben und lädt nun zum Tee am Mond:

Tee auf dem Mond

Der Mondmann saß in seinem Teepavillon und blickte wehmütig über die weiße, weite Mondlandschaft hinweg. In seiner Hand hielt er eine langstielige Pfeife aus der weißer Rauch zum dunklen Himmel aufstieg. Ab und zu schwebte aus dem Rauch eine Seifenblase auf. Auf dem kleinen, runden Marmortisch vor ihm stand eine gusseiserne Kanne mit dampfendem Tee – daneben zwei irdene Tassen, schwarz und irisierend. Die Tasse des Mondmannes war fast leer, die seines Gegenübers war randvoll, unberührt. Der Mondmann wandte sich wieder seinem Gast zu und fragte: „Und ich kann Sie wirklich nicht zu einer Tasse Tee überreden? Bester Mondtee mit Milch von glücklichen Mondkälbern?“ Der Astronaut schüttelte den Kopf und deutete auf seinen Helm. „Verstehe, Sie können ihn nicht abnehmen, weil Sie dann ersticken würden, wie ich annehme?“ Der Astronaut nickte stumm. Der Mondmann seufzte: „Ihre Wissenschaft macht Träume wahr und wahre Wunder unmöglich.“ Diesen Beitrag weiterlesen »

  • 1
  • Jan

Die Maus und die Schneeeule

2014 | 09:45

Das alte Jahr ist mit Raketenkrach und Walzertönen ausgetrieben worden, das neue Jahr kriecht langsam aus dem Nebel hervor.

Möge es für euch alle eine glückliches Jahr werden! Ich kenne nicht viele Märchen und Erzählungen zum Jahreswechsel, drum poste ich hier für euch eine Fabel, die ich letzte Woche geschrieben habe. Sie basiert auf einem Bild, das in mir aufstieg, als der Vollmond durch unser Schlafzimmerfenster schien, und rasend schnelle Wolken eine Art Schattentheater vor seinem Licht aufführten. Außerdem basiert sie auf einem Lied, das ich sehr liebe – das auch gut zu dieser Zeit der Wandlungen passt. Wer dieses Lied erkennt, der weiss, um welche Stadt mit vielen Türmen es sich am Ende der Geschichte handelt.

Aber nun genug – eine frohes, neues Jahr euch allen und Vorhang auf für:

Die Maus und die Schneeeule

„Da wärest du nun beinahe vom Waldkauz gefressen worden, was?“ krächzte die alte Eule der kleinen Waldmaus zu, die neben ihr auf einem Ast hoch oben in einer Fichte saß. Ihre Silhouetten zeichneten sich vor dem Licht des winterlichen Vollmondes ab. Die kleine Maus blickte zur Eule auf: „Und nun werde ich etwa nicht gefressen?“  „Was meinst du, meine kleine Maus?“ fragte die alte Eule. „Ich denke nicht,“ gab das Mäuslein zurück. Die Eule lachte ein kehliges Lachen: „So,so, das denkst du also – und warum nicht?“ „Weil du mich dann schon längst gefressen hättest.“ Die Augen der Eule funkelten: „Vielleicht überlege ich es mir ja noch, nicht wahr?“ Die Maus verstummte. Beide schauten sich schweigend an. Es war die Eule, die als erstes ihren Blick abwandte. Sie blickte auf die Schnee bedeckte Landschaft vor sich. Dann seufzte sie: „Keine Angst, kleine Maus, ich werde dich nicht fressen.“ Und weil ihrem Satz nichts weiteres folgte, fragte die Maus mit leiser Stimme: „Warum hast du mich dann vor dem Waldkauz gerettet?“ „Warum…“ wiederholte die Eule, „Warum, warum , warum….“ Nach einer weiteren Pause antwortete sie: „Warum, kleine Maus, hast du keine Angst vor mir, hm? Warum läufst du nicht davon, sag mir das!“ Die Maus blickte verlegen: „Ich weiß nicht…“ Diesen Beitrag weiterlesen »